Im diesjährigen Kurs „Energieberatung Basismodul WG + NWG“ nahm sich die Teilnehmerin Alexandra Richter Zeit für ein Gespräch mit unserer Marketingkollegin Céline Medved. Im Gespräch vor Kursbeginn erzählt die angehende Gebäudeenergieberaterin, wie ihre Begeisterung für Technik und nachhaltiges Bauen entstanden ist, welche Rolle die Weiterbildung für ihren beruflichen Weg spielt und warum sie überzeugt ist, dass gerade Frauen die Energieberatung bereichern können.
Wie sind Sie zur Energieberatung gekommen und was hat Sie bewegt, die Weiterbildung zu starten?
Das ist eigentlich eine sehr interessante Geschichte. Ich habe schon als Kind bei meinen Eltern mitgeholfen, Häuser zu bauen. Das war damals alles im privaten Rahmen. Später bin ich dann allerdings erst einmal in eine ganz andere Richtung gegangen. Mein beruflicher Hintergrund liegt im Steuerrecht und in den Wirtschaftswissenschaften – also eigentlich etwas völlig anderes.

Durch eine private Situation habe ich jedoch irgendwann gemerkt, dass ich wieder zu meinem Ursprung zurück möchte. Daraufhin habe ich begonnen, Architektur zu studieren. Aktuell bin ich im Thesissemester. Mein Studium in Hamburg ist sehr techniklastig und hat teilweise auch einen bauingenieurstechnischen Einschlag.
Wir beschäftigen uns intensiv mit Bauphysik, energieoptimiertem Bauen als Wahlfach, Gebäudetechnik, Tragwerk und Baukonstruktion. Das ist deutlich mehr Technik, als viele Menschen üblicherweise mit dem Architektenberuf verbinden.
Das macht mir persönlich sehr viel Spaß, denn schon am technischen Gymnasium habe ich meine Begeisterung für Technik entdeckt.
Während des Studiums habe ich allerdings gemerkt, dass mein Interesse gar nicht unbedingt darin liegt, selbst Gebäude zu bauen. Vielmehr reizt mich der beratende Teil – Menschen zu unterstützen und ihnen bei Entscheidungen zu helfen.
Nebenbei habe ich Zertifizierungen im Bereich Nachhaltigkeit gemacht und festgestellt, dass dieses Thema unbedingt stärker gefördert werden muss. Als Frau hat man vielleicht manchmal das Gefühl, dass technische Berufe schwieriger zugänglich sind, aber ich halte das für eine Fehleinschätzung. Frauen können in diesem Beruf genauso stark sein. Durch eine empathische Art können sie häufig sogar sehr gute Beziehungen zu Kunden aufbauen. Technik ist aus meiner Sicht keine rein maskuline Domäne.
In meiner Freizeit habe ich Häuser saniert. Ich habe mir vieles autodidaktisch beigebracht: Fliesen legen, Elektrik, mit dem Zimmermann auf dem Dach arbeiten, Mauern bauen, verputzen, Böden legen oder Küchen planen.
Die Energieberatung hat sich schließlich ganz organisch aus meinem Studium heraus entwickelt. Ich habe lange nach einer Möglichkeit gesucht, diese Weiterbildung parallel zum Studium zu absolvieren. Besonders gut fand ich, dass hier in Ulm ein Angebot existiert – einerseits für Hochschulabsolventen mit verkürzter Ausbildung und andererseits zeitlich passend in den Semesterferien. Das war für mich perfekt.
Ich freue mich sehr, hier zu sein. Bis jetzt habe ich viele tolle Inhalte mitgenommen. Wir haben zwei wundervolle Hauptdozenten und weitere sehr gute Lehrkräfte, besonders im Bereich Anlagentechnik. Dort habe ich viel gelernt, auch im Hinblick auf meine eigene Heizungsanlage zu Hause. Ich hatte immer das Gefühl, dass dort etwas nicht ganz richtig läuft – und jetzt weiß ich tatsächlich, dass mein Eindruck stimmt.

Ich denke, gerade Frauen können in diesem Beruf sehr stark sein – auch durch ihre Art, mit Menschen zu arbeiten. Es wäre wirklich schön, wenn es künftig mehr weibliche Energieberaterinnen gäbe. Ich komme aus dem Wendland in der Nähe von Hamburg. In unserem Bezirk gibt es aktuell zwei Energieberaterinnen, die beide über 70 Jahre alt sind und bald aufhören möchten. Deshalb hoffen sie sehr auf Nachwuchs – und besonders auf eine Nachfolgerin.
Was würden Sie einer Frau raten, die am Anfang ihrer Karriere steht? Warum kann eine Ausbildung zur Energieberaterin oder generell ein technischer oder handwerklicher Beruf sinnvoll sein?
Ich halte das für sehr sinnvoll, weil wir aktuell überall sehen, dass Energie, Nachhaltigkeit und Gebäude ein Thema sind, das jeden Menschen betrifft. Dieses Thema lässt sich nicht mehr wegdiskutieren. Egal ob Eigenheim oder Mietwohnung – jeder kommt damit in Berührung.
Nachhaltigkeit ist ein Ziel, das wir nur gemeinsam erreichen können. Deshalb sollten junge Frauen keine Scheu davor haben, sich im Handwerk oder in technischen Berufen zu etablieren. Das Problem betrifft uns als Menschheit, nicht ein bestimmtes Geschlecht.
Jeder Mensch bringt eigene Perspektiven, Ideen und Lösungsansätze mit. Genau diese Vielfalt brauchen wir.
Was müsste sich Ihrer Meinung nach verändern, damit sich mehr junge Frauen für technische oder handwerkliche Berufe entscheiden?

Ich glaube, dass es vor allem wichtig ist, mehr praktische Erfahrungen zu ermöglichen. Formate wie der Girls’ Day sind ein guter Anfang, aber meiner Meinung nach reicht das noch nicht aus.
Praxis zeigt erst wirklich, was man kann. In meinem Studium gab es zum Beispiel einmal einen Wettbewerb zwischen Bauingenieuren und Architekten. Das ist immer ein bisschen ein freundschaftlicher Wettbewerb, weil Bauingenieure oft überwiegend Männer sind. Bei diesem Wettbewerb ging es ums Mauern – und unsere Gruppe, die aus vielen Frauen bestand, hat den ersten Platz belegt.
Ich selbst habe einmal ein Praktikum in einer Kfz-Werkstatt gemacht. Seitdem liebe ich Autos, fahre schnelle Autos und Motorrad und schraube auch selbst daran.
Das zeigt, dass praktische Erfahrung entscheidend ist. Männer kommen oft früher mit handwerklichen Tätigkeiten in Berührung – vielleicht weil der Vater sie mitnimmt oder Freunde an Autos schrauben. Frauen haben diese Möglichkeiten oft weniger.
In der schulischen Bildung sollte der praktische Anteil deutlich stärker sein. Wenn junge Menschen ein oder zwei Wochen oder sogar mehrere Wochen wirklich praktisch arbeiten können, entwickeln sie ein Gefühl dafür, was ihnen liegt. Viele Frauen würden dabei vermutlich entdecken, wie handwerklich begabt sie sind.
Handwerkliches Talent hat nichts mit männlich oder weiblich zu tun. Es entsteht durch Ausprobieren, Lernen und Begeisterung. Und das entwickelt man erst, wenn man wirklich mit den eigenen Händen arbeitet.
Frau Richter, wie haben Sie es persönlich erlebt, in einer stark männerdominierten Branche zu arbeiten?
Es kommt durchaus vor, dass Männer sich zunächst profilieren wollen, wenn eine Frau im Raum ist. Das hat eher soziologische Gründe. Gleichzeitig habe ich aber auch festgestellt, dass sich die Atmosphäre oft verändert, wenn Frauen dabei sind. Die Zusammenarbeit wird häufig harmonischer.
Manchmal wird man als Frau anfangs belächelt. Dann bringt man ein paar fachliche Beiträge ein und plötzlich beginnt ein Umdenken. Irgendwann merken die anderen: Die kann das ja wirklich. Dann ist das Eis gebrochen.
Danach ist das Standing oft sogar stärker, weil man einen größeren Sprung gemacht hat. Trotzdem ist es natürlich schade, dass dieser Beweis überhaupt nötig ist.
Ich habe in meinem Berufsleben – auch in der IT-Branche – häufig erlebt, dass Frauen sich doppelt so stark beweisen müssen, um anerkannt zu werden. Aber sobald das Eis gebrochen ist, gehört man einfach dazu.
Deshalb ist es wichtig, dass mehr Frauen den Mut haben, ihre technischen Fähigkeiten zu zeigen und auszuprobieren. In der Energieberatung geht es ohnehin nicht um körperliche Kraft, sondern vor allem um Wissen und Analyse.
Natürlich gibt es im Handwerk auch körperlich schwere Tätigkeiten, aber man arbeitet im Team. Technik unterstützt vieles, und es gibt genügend Aufgabenbereiche, in denen Wissen und Erfahrung im Vordergrund stehen.
Welches Thema im Kurs hat bei Ihnen den größten Aha-Moment ausgelöst?
Das war tatsächlich die Anlagentechnik. Obwohl ich durch meine eigenen Sanierungsprojekte schon mit vielen Gewerken zu tun hatte, war dieses Thema für mich noch relativ neu.
Die vier Tage Unterricht in diesem Bereich waren für mich ein echter Aha-Effekt. Besonders gut fand ich, dass man jederzeit Fragen stellen konnte. Der Unterricht war nicht einfach nur ein Durcharbeiten von Folien, sondern ein echter Austausch.
Ich konnte viele konkrete Fragen zu meiner eigenen Heizungsanlage stellen und dadurch besser verstehen, was ich dort noch optimieren kann. Viele andere Inhalte kannte ich durch mein Studium bereits, aber die Anlagentechnik war für mich wirklich der große Wissensgewinn.

Sie kommen aus Norddeutschland. Warum haben Sie sich entschieden, diesen Kurs hier am WBZU zu besuchen?
Mir war wichtig, dass ich die Weiterbildung gut in mein Studium integrieren kann und dass sie kompakt aufgebaut ist. Ich lerne gerne intensiv: Wissen aufnehmen, verstehen und dann direkt anwenden.
Der Basiskurs dauerte zwei Wochen, danach folgte der Vertiefungskurs mit einer weiteren Woche – alles am Stück. Das bedeutet, dass das Lernen direkt aufeinander aufbaut und man nicht ständig durch den Alltag herausgerissen wird. Außerdem finde ich Präsenzunterricht sehr wertvoll. Man kann sich mit anderen Teilnehmern austauschen, die ebenfalls viel Erfahrung mitbringen, und auch mit den Dozenten direkt sprechen. Das ist etwas ganz anderes als ein reiner Onlinekurs.
Wir haben Ende Februar begonnen, Ende März folgte der Vertiefungskurs und Ende April haben wir die Prüfung absolviert. Dieser Zeitraum ist für mich überschaubar. Ich kann danach schnell aktiv werden und das Gelernte anwenden.
Bei langen Wochenendkursen, über viele Monate hinweg, vergisst man häufig wieder Inhalte. In diesem kompakten Format bleibt das Wissen viel besser präsent.
Welche beruflichen Pläne haben Sie nach Abschluss des Kurses?
Ich werde mich beruflich stärker auf die Energieberatung konzentrieren und mich etwas aus der klassischen Architektur zurückziehen.
Ich habe bereits eine Zertifizierung im Bereich Nachhaltigkeit und möchte die Energieberatung weiter ausbauen. Ein weiterer Schritt könnte sein, später auch als Sachverständige tätig zu werden und Gutachten zu erstellen.
Besonders spannend finde ich außerdem die Verbindung zur Denkmalpflege. Deshalb plane ich, mich auch im Bereich Energieberatung für denkmalgeschützte Gebäude weiterzubilden.
Das Gespräch vor Kursbeginn zeigte eindrucksvoll, wie viel Motivation, Neugier und Begeisterung Alexandra Richter für ihren Beruf und ihre Weiterbildung mitbringt. Wir bedanken uns herzlich für den offenen Austausch und wünschen ihr für den weiteren Lehrgang viel Erfolg – und vor allem viel Freude auf ihrem Weg zur Gebäudeenergieberaterin.